24.11.11

Finstere Zeiten

 

Rede anlässlich der Verleihung des Alex-Friedmann-Preises

 

 

Es ist wunderbar, dass es diesen Preis gibt und es ist wunderbar, dass er heute gerade an diese Institution vergeben wird.

In jüngster Zeit geht mir ein Zitat von Bert Brecht nicht mehr aus dem Kopf. Der hat einmal geschrieben:

„Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten“.

Natürlich wäre es völlig unzulässig unsere heutige Situation mit jener zu vergleichen, die Brecht zu dieser Feststellung veranlasst hat.

Und doch.

Ich schaue mich um, hier in Österreich, aber auch im Rest Europas und kann nicht umhin festzustellen, dass die Zeiten neuerdings wieder sehr viel düsterer geworden sind.

Dieses Europa, das doch als Friedensprojekt, als Gegengewicht zu Nationalismus, Xenophobie, Hass und Angst gegründet worden ist, zieht sich zunehmend genau auf diese längst überwunden geglaubten Positionen zurück.

Noch geht es den meisten von uns, die wir das Glück haben in jenem Teil Europas zu leben, der von sich behauptet, die Demokratie endgültig erobert zu haben, aber doch ausgesprochen gut. Wir sind satt und sicher, wir leisten uns Luxusprobleme und haben eigentlich – noch – kaum wirkliche Sorgen.

Und – wir schotten uns ab. Und das wesentlich mehr, als früher, als zu Zeiten, zu denen wir wesentlich weniger komfortabel lebten. Eine Entwicklung, für die wir uns alle eigentlich schämen müssen.

Freilich, die, die es trotz allem bis hier her ins reiche, satte, für uns, die wir die richtigen Pässe besitzen sichere Europa schaffen, sind kein angenehmer Anblick, keine angenehme Gesellschaft. Denn sie bringen das mit hier her, was wir seit Jahren auszublenden versuchen.

Ihre Geschichten. Der 14jährige Afghane, dessen Familie ihr letztes Geld zusammenkratzt, um ihn in eine, wie man meint sichere Fremde zu schicken, die tschetschenische Mutter, die mit ihren vier Kindern vor den Häschern Kadyrows zu Fuss aus einem polnischen Flüchtlingslager bis nach Österreich gelaufen ist, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind keine freundlichen Touristen, die Geld bringen und dann bald wieder weg sind. Sie kommen nicht lachend und fröhlich hier her in unser schönes nettes Leben. Sie bringen mit, was sie erlebt haben – Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigungen, Erniedrigung und Elend. Alles, wovon wir nichts wissen wollen.

Wenn ich wir sage, dann meine ich all jene, die finden, diese „Fremden“ kämen hier her „um sich ins gemachte Bett zu legen“. Um „uns etwas weg zu nehmen“. Und leider sind diese heute und nicht nur in Österreich wohl eine Mehrheit.

Und dann gibt es die anderen.

Menschen, die begreifen, dass das Schicksal dieser Flüchtenden, dieser gerade noch Entkommenen, durchaus auch etwas mit uns zu tun hat.

In den vergangenen Wochen habe ich zwei bemerkenswerte Erlebnisse gehabt. Das erste war der Vortrag eines äthiopischen Prinzen, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt und in Wien ein Buch vorstellte mit dem hübschen Titel „Draussen nur Kännchen“. Was ins Österreichische übersetzt bedeutet, dass man in deutschen Konditoreien oder Kaffees nur im Innenraum eine Schale Kaffee bekommt – wenn man aber eine solche auf der Terrasse bestellt .... siehe den Buchtitel.

Die Erlebnisse eines äthiopischen Prinzen in Deutschland waren zum Großteil sehr amüsant. Aber am Ende kam man dann doch auf die aktuelle Situation in der ursprünglichen Heimat des Prinzen zu sprechen – und dieser sagte ganz ruhig und gelassen, dass Europa gut daran täte, sich sehr viel mehr für die Probleme zu interessieren, die es heute in Afrika gebe – denn sonst könnte es durchaus passieren, dass dieses Europa eines Tages aufwachen würde um im Radio zu hören, dass sieben Millionen Afrikaner sich auf den Weg gemacht hätten und jedem, der sie aufhalten wolle sagten: „werft eine Atombombe auf uns – denn wenn wir zu Hause bleiben sterben wir auch“.

Das zweite Erlebnis hatte ich gestern bei einer Diskussion zum Thema Flüchtlinge, in der es unter anderem darum gegangen war, die Zahlen richtig zu stellen – die Zahlen jener, die bis nach Europa gelangen und die, wie wir alle wissen, weidlich falsch dargestellt werden. Und plötzlich meldete sich eine Dame zu Wort, die in tadellosem Deutsch mit einem ganz winzigen sehr charmanten ungarischen Akzent sagte, dies könne sich gerade in Österreich sehr schnell radikal ändern, denn bald schon werde die Lage in Ungarn für Obdachlose, Intellektuelle, Roma und Sinti und einfach jeden, der den derzeitigen Machthabern kritisch gegenüberstehe, so unhaltbar werden, dass möglicher Weise Zehntausende sich auf den Weg nach Österreich machen würden.

Keines der beiden Szenarien ist sehr realistisch und doch ist keines der beiden Szenarien völlig von der Hand zu weisen.

Was sie aber vor allem bedeuten – dass man nicht wegschauen darf. Und dass wir eine Verpflichtung haben, wir die Reichen, die Satten, die Sicheren. Gegenüber jenen, die nicht das Glück eines westeuropäischen Geburtsrechtes besitzen.

Die Verpflichtung dort zu helfen, wo wir helfen können. Vor allem auch hier bei uns. Die Verpflichtung, jenen zu helfen, die bis hier her gekommen sind und dafür kriminalisiert und erniedrigt werden, dass sie sich und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen versuchten.

Genau das hat Alexander Friedmann getan, genau das tun Organisationen wie Ankyra – und doch sehr viel mehr Menschen, als man eigentlich annehmen würde. Oft alleine, oft ganz im Stillen. Und sie alle, diese große Minderheit, die nicht wegschaut und nicht so tut, als ginge uns alle das Leid der anderen nichts an, sie sind die, die auch in diesen leider doch wieder ziemlich düsteren Zeiten dafür sorgen, dass das Licht nicht ganz ausgeht.

 

17.9.11

 

Das Geschichtsbild der MAria Felkter oder Wie die ÖVP allen beweist, dass man aus der Geschichte auch NICHTS lernen kann.

Am Anfang stand ein landesweit ausgestrahltes Interview der Finanzministerin: „Außerdem bauen wir gerade enorme Feindbilder in Europa gegen die Banken und die Reichen, die Vermögenden auf. So was hatten wir schon einmal, damals verbrämt gegen die Juden, aber damals waren ähnliche Gruppierungen gemeint.“

Dem folgte ein Aufschrei. Nein, nicht aus Regierungskreisen oder gar von ihren Parteikollegen. Von Caritas-Präsident Landau, von SOS-Mitmensch, dann von den Grünen. Nachdem auch viele Private protestiert hatten reagierte sogar der Bundeskanzler und mahnte zu mehr Sorgfalt in der Wortwahl.

Und dann reagierte die ÖVP: Finanzministerin Maria Fekter lässt keinen Zweifel aufkommen: Der Nationalsozialismus mit all seinen Gräueltaten und natürlich besonders mit dem Holocaust ist mit nichts anderem vergleichbar. Fekter hat nie einen Vergleich mit dieser Zeit angestellt – oder dies auch nur beabsichtigt. Sie hat sich aber bei ihrer Kritik der heutigen gesellschaftlichen Hetze gegen gewisse Gruppen in der Bevölkerung auf die Zeit der Entstehung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert bezogen. Fekter: “Ich lehne Feindbilder bezüglich einzelner Bevölkerungsgruppen vehement ab.”

Ein Schelm, der hier  Böses denkt. Frau Fekter hat – egal, was sie jetzt behauptet – eines der bösartigsten und am weitesten verbreitetes antisemitisches Stereotyp verwendet. Den Spruch von den reichen Juden nämlich, die nicht etwas wegen ihrer Religionszugehörigkeit, sondern wegen ihres Reichtums eben verfolgt worden seien.

Meine Großeltern mütterlicherseits sind von den Nazis zuerst nach Minsk deportiert und dort ermordet worden. Mein Großvater war Eisenbahner, meine Großmutter Hausfrau. Sie hatten vier Töchter. Das Geld reichte nie, sie lebten zusammengedrängt in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung. Reichtümer besaßen sie keine, trotzdem hat man sie ermordet. Wenn man Regierungsmitglied ist und von sich behauptet christlich-sozial eingestellt zu sein kann man derlei Vergleiche unmöglich ziehen. Frau Fekter rechtfertigt sich auf der ÖVP-Hompage weiters damit, sie habe besonders viel Geld für Gedenkstätten zur Verfügung gestellt und dies beweise also, dass sie gar nicht antisemitisch denken könne. Es gibt – unter Menschen, die sich als zum Judentum zugehörig betrachten – einen zu dieser Aussage Frau Fekters passenden Spruch: Wenn man jemanden als besonders perfide antisemitisch erlebt legt man ihm oft die Worte „einige meiner besten Freunde sind doch Juden“ in den Mund. Soll heißen – man kann doch kein Antisemit sein, wenn man sogar Juden zu seinen besten Freunden zählt. Frau Fekter kann also keine Antisemitin sein, weil sie Geld für Gedenkstätten zur Verfügung gestellt hat.

Frau Fekter ist allerdings eine Wiederholungstäterin. Ich erinnere nur an die herabwürdigende Äußerung zu Arigona Zogajs „Rehleinaugen“, an den Spruch vom „Asylshopping“, an die ständig wiederholten Behauptungen vom Asylmissbrauch und Sozialschmarotzertum als sie noch Innenministerin war. In jener Zeit hat sie das Geld für die Gedenkstätten zur Verfügung gestellt. „Einige meiner besten Freunde….“

Frau Fekter hat es noch nicht einmal für nötig befunden sich zu entschuldigen. In Deutschland mussten Politiker schon wegen wesentlich harmloserer Äußerungen zurücktreten. Frau Fekter aber besteht darauf, ganz zu Unrecht angegriffen zu werden. Als Wolfgang Schüssel – der Kanzler der schwarz-blauen Korruptionsregierung – sein Nationalratsmandat zurücklegte erklärte sein langjähriger Freund und Gefährte Andreas Khol, dies sei ihm so besonders hoch anzurechnen, weil es in Österreich doch keine Rücktrittskultur gebe. Herr Khol sollte dies wohl lieber jetzt gegenüber seiner Parteifreundin Fekter erklären. Ein Mensch mit einem derartigen Geschichtsbild kann in einer österreichischen Regierung kein Amt einnehmen. Frau Fekter muss zurücktreten. Und sich aus der Politik verabschieden. Je früher um so besser. Für die Regierung und für Österreich.


15.6.11

Wien, Juni 2011

 

 

Offener Brief an die Mitglieder der EU-Kommission und die EU-Parlamentarier

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich bin Bürgerin dieses Europas – der Europäischen Union also. Und als solche wende ich mich an Sie.

Die Europäische Union, so wurde mir seit Jahrzehnten eingebläut, die Europäische Union ist ein Friedensprojekt. Die Europäische Union soll verhindern, dass sich je wieder europäische Staaten bekriegen, dass es je wieder zu Autoritarismus und Faschismus in Europa kommen kann.

Ich sehe mich um und stelle fest:

  1. Die Europäische Union baut so viele Mauern und Hindernisse wie möglich auf, um Menschen auf der Flucht abzuweisen. Jeder einzelne EU-Staat rettet sich ebenso hinter die verhängnisvolle Phrase vom Boot, das voll sei, wie die EU insgesamt. Die Europäische Union und jeder einzelne europäische Staat führen damit die von den politischen Eliten so gerne im Mund geführte Behauptung von der Achtung der Menschenrechte Tag für Tag ad absurdum.
  2. Die Europäische Union hat in ihren Reihen Staaten, die Tag ein Tag aus die Menschenrechte mit Füßen treten und Menschen nur auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit offen diskriminieren. In Ungarn wird öffentlich darüber nachgedacht, ob man nicht Arbeitslager für Roma und Sinti errichten soll. Der ungarische Antisemitismus ist salonfähig geworden. In der Slowakei baut man Mauern gegen Roma und Sinti und Frankreich weist europäische Bürger aus, weil sie dieser ethnischen Minderheit angehören. Auch hier ist nichts von der Achtung der Menschenrechte zu bemerken.
  3. Griechenland wird gerade gemeinsam in den Ruin getrieben. Nicht nur lässt man sogenannte Rating-Agenturen frei agieren, man diskutiert auch laut darüber, ob man die „faulen“ Griechen überhaupt noch unterstützen soll.
  4. Die Europäische Union – also ihre Institutionen, also Sie – sieht zu, wie in Ungarn offen faschistische Tendenzen unwidersprochen an Boden gewinnen können, wie in Griechenland auf Grund der verheerenden Wirtschaftspolitik rechtsradikales Gedankengut an Gewicht gewinnt.

 

Ich fordere Sie, die Vertreter dieser Europäischen Union, auf, energisch gegen diese besorgniserregende Entwicklung in Europa aufzutreten. Ich fordere Sie auf, Ihre Augenbinde abzunehmen und genau hinzusehen, was in diesem Europa geschieht. Ich fordere Sie auf, den fatalen neuen politischen Tendenzen einen Riegel vorzuschieben.

 

Dr. Susanne Scholl

Journalistin und Autorin

Wien

 

 

10.6.11

Drei neue Gedichte geschrieben während des Pfingsdialoges in Schloss Seggau in der Steiermark

 

Solange ich atme höre ich.

Solange ich höre sehe ich.

Solange ich sehe fühle ich.

Solange ich höre und sehe und fühle

lebe ich.

Und weine!

 

Gehen - aus der Welt.

Gehen - ins Unendliche.

Sehen - wo ich nicht sein will.

Nicht sehen - wo ich sein will.

Woher kommt die Flut?

Die Flut, die mich ertränkt?

Wohin fließt sie,

wenn sie mich aufgesaugt hat.

Wenn sie mich ausspuckt, weiß und zerbrochen?

Das Leben wirft mich hinaus

auf den Schneeberg,

auf dem ich nur erfrieren kann.

 

Freiheit ist das Recht zu schweigen.

Freiheit ist das Recht wegzulaufen.

Freiheit ist das Recht wegzuhören.

Freiheit ist das Recht keine Angst zu haben.

Freiheit ist das Recht sich zu empören.

 

30.4.11


Fremd bin ich eingezogen...

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde – sagte einmal Karl Valentin. Der eigentlich Komiker war – aber Komiker sind eben oft die besseren Philosophen.

Ich betrachte Österreich und frage mich, wer entscheidet darüber, ob einer fremd hier ist oder nicht?

Im Haus der Ute Bock im zweiten Bezirk traf ich zwei tschetschenische Buben. Sie sprachen sehr schönes Deutsch – und nebenbei auch noch sehr gutes Russisch und Tschetschenisch. Ihr Vater ist von tschetschenischen Sicherheitskräften ermordet worden, ihre Mutter ist danach mit ihnen und den Großeltern nach Österreich geflüchtet. Zurück können sie nicht – die Buben wären dort ebenso in Gefahr, wie Mutter und Großeltern. Bleiben dürfen sie auch nicht – die Beamten, die ihren Fall behandeln, glauben nicht, dass sie in Gefahr sind.

Eine Freundin aus Grosny ruft mich an und erzählt. Man hat sie vorgeladen und ihr erklärt, sie solle doch mit den Behörden zusammen arbeiten. Weil sie zögerte sagte man ihr, man wisse, wo ihre beiden Söhne in die Schule gehen. Danach hat sie Grosny verlassen. Und dorthin schickt Österreich Leute zurück?

Ich frage mich, was das für Menschen sind, die solche Entscheidungen treffen. Ich kann nachts nur schlecht schlafen, wenn ich zum Beispiel an jene junge Frau aus Nigeria denke. Die Menschenhändler verschleppt und zur Prostitution gezwungen haben. Die trotz der großen Gefahr, in die sie sich begab, diese Menschenhändler und Zuhälter anzeigte. Die als Dank in ein Abschiebeflugzeug nach Lagos gesetzt wurde. Von der niemand weiß, ob sie noch lebt.

Ich glaube nicht, dass in den Büros, wo über das Schicksal von Menschen entschieden wird, nur Sadisten und Zyniker sitzen. Ich glaube, dass die, die derlei Bescheide unterschreiben, manchmal auch nachts nicht schlafen können. Denn sie können doch nicht wirklich glauben, dass sie Österreich schützen, indem sie eine mutige junge Frau abschieben?

Indem sie ein kleines vom Hals abwärts gelähmtes Mädchen mit seinen Eltern zur Abschiebung freigeben?

Ich glaube, dass diese Beamte gezwungen werden, Gesetze zu exekutieren, die sie nicht geschrieben haben und so auch nicht schreiben würden.

Und ich mache mir Sorgen. Um die, die „hier die Fremden sind“ – die Österreich zu Fremden und damit zu Menschen zweiter Klasse macht, indem es erklärt, wir hätten keinen Platz für sie.

Ich mache mir aber auch Sorgen um uns, um die, die angeblich dank ihrer Geburt in diesem Land das Recht auf ihrer Seite haben.

Von welchem Recht sprechen wir hier eigentlich?

Die Abschiebung der Komani-Zwillinge, das aus-dem-Land-drängen der Zogajs waren Akte der Unmenschlichkeit. Das Zurückholen der Komani-Zwillinge und der Zogajs war ein menschlicher Gnadenakt. Und bewies, dass nicht einmal jene, die die unmenschlichen Gesetze erdenken, diese auch immer einhalten.

Das macht mir Angst. Wir leben in einem Land, in dem die Willkür darüber entscheidet, ob Menschen Recht bekommen, oder nicht. Ein Asylrichter gewährt einer Familie das Recht, in Österreich zur Ruhe zu kommen,  stirbt aber kurz, bevor er dies auch schriftlich festlegen kann. Der, der den Akt übernimmt, verweigert der selben Familie dieses Recht und ordnet ihre Ausweisung an. Das bedeutet, dass unser Rechtsstaat in Gefahr ist. Und das betrifft uns alle – auch all jene die meinen, die anderen, die Fremden, seien schuld an allem, was in diesem Land nicht in Ordnung ist.

Zum Glück aber gibt es auch die anderen. Die, die nicht wegschauen, nicht hinnehmen, nicht einfach zulassen, was da an Unrecht im Namen des Rechts geschieht.

Die verdienen nicht nur unsere Hochachtung, die brauchen Hilfe und Unterstützung. Und immer mehr Menschen, die mitmachen.

Gestern hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das viele in Gefahr bringt. Menschen, die seit Jahren hier leben können von einem Tag zum anderen plötzlich nicht mehr willkommen sein. Wohnungen können willkürlich durchsucht werden. Menschen, die Hilfe suchen werden wie Verbrecher empfangen und zunächst einmal eingesperrt. Die Daten der Verfolgten können, nein, sollen sogar, an die Verfolgerländer weitergegeben werden.

Ich komme aus einer Familie in der man weiss, was es heisst, verfolgt zu werden, um das nackte Leben laufen zu müssen.

Ich bin mit der Hoffnung aufgewacht, derlei würde sich nie wiederholen, schon gar nicht hier, in diesem Land.

Und ich will und kann nicht glauben, dass sich in diesem unserem reichen, satten, sicheren Land wieder Menschen vor Uniformen fürchten müssen – nicht weil sie gegen die Regeln des gesellschaftlichen Lebens verstossen, sondern weil sie gedacht haben, Österreich sei ein Land, wo man vielleicht Hilfe und Sicherheit finden kann.

Das Gesetz ist beschlossen und es ist eine Schande. Und auch wenn es der Willkür Tür und Tor öffnet – gegen dieses Gesetz zu verstoßen gebietet die Menschlichkeit, gebietet der Anstand. Weil Unmenschlichkeit nicht zum Gesetz werden darf, nirgends und niemals.

 

Rede zum Dr. Rudolf Kirschläger-Preis 2011

Niederkappel 25.3.11


Sehr geehrte Damen und Herren,

Hochverehrte Preisträgerin,

 

 

Ich bin ein bisschen befangen. Die Festrede bei der Verleihung eines Preises zu halten, der Herrn Doktor Kirchschläger gewidmet ist, erscheint mir eine fast all zu große Ehre.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann geht es bei diesem Preis um Menschlichkeit und Zivilcourage.

Zivilcourage ist heut zu Tage – so scheint es mir jedenfalls – ein ziemlich seltenes Gut geworden.

Vor allem in der Politik.

Dr. Kirchschläger hat einmal als Bundespräsident von den sauren Wiesen gesprochen, die trocken gelegt werden müssten. Ich frage mich, was er zu den sich heute in der Politik ausbreitenden Sümpfen sagen würde.

Was er zu einer Politik sagen würde, die Menschen in Not pauschal zu Lügnern und Betrügern stempelt und sich um nichts anderes zu bemühen scheint, als einen neuen undurchdringlichen Eisernen Vorhang rund um Europa, rund um Österreich zu errichten. Einen Eisernen Vorhang, gegenüber all jenen, die auf der Suche nach Sicherheit und einem Leben in Würde an unsere Türen klopfen.

Als 1968 die Panzer des Warschauer Paktes den sogenannten Prager Frühling – also den Versuch, einem unmenschlichen Regime die Unmenschlichkeit auszutreiben – niederstampften, erhielt Doktor Kirschschläger vom damaligen österreichischen Außenminister Waldheim die Weisung, keine österreichischen Visa mehr an Bürger der Tschechoslowakei auszugeben, die vor der Niederschlagung ihrer Hoffnungen fliehen wollten.

Doktor Kirchschläger hat diese Weisung ignoriert. Und vielen Menschen dadurch ein Leben in Unterdrückung, vielleicht auch Gefängnis und großes Leid erspart.

Vor diesem Mut, vor dieser Zivilcourage verneige ich mich zutiefst. Und würde mir wünschen, dass viele, die heute an den Hebeln der Macht sitzen – oder vielleicht eben auch nicht an den Hebeln der Macht aber in Positionen, in denen Menschlichkeit den Unterschied zwischen Leben und Vegetieren ausmachen kann, diesem Beispiel folgten.

Manch einer tut das auch – allerdings sind es viel zu wenige.

Wer heute in Österreich erklärt, Recht müsse Recht bleiben – und damit rechtfertigt, wenn kleine Kinder, kranke Menschen und Menschen, die vor großer Gefahr und schweren Traumata geflüchtet sind, wieder aus diesem unserem so schönen und reichen Land hinausgeworfen werden, der verhöhnt auch das Andenken solcher Menschen, wie es Doktor Kirchschläger einer war.

Zivilcourage heißt aber auch – nicht wegschauen.

Nicht wegschauen, wenn Menschen neben uns leiden. Genau diese Zivilcourage beweist die heutige Preisträgerin seit vielen Jahren unermüdlich – und auch vor dieser Form der Zivilcourage verneige ich mich tief.

Wir leben in einem schönen, reichen, satten Land. Wir leben in relativer Sicherheit und wir leben seit erstaunlich langer Zeit in Frieden.

Offensichtlich haben uns Reichtum und Sicherheit aber abstumpfen lassen gegen das Elend und die Angst all jener, die nicht das Glück hatten, hier geboren zu werden.

Wenn ich wir und uns sage, dann meine ich dieses Österreich, dann meine ich viele Entscheidungsträger in diesem Land – und viele, die meinen, irgendwo Feinde finden zu müssen, um alles, was trotzdem in ihrem Leben nicht so gut ist, erklären zu können.

Ich bin viel in der Welt herumgekommen, hab viele Jahre Österreich nur aus einer gewissen Distanz gesehen. Meine russischen Mitarbeiter in unserem Büro in Moskau haben mir immer wieder gesagt, welche Insel der Seligen dieses Österreich doch sei, wie gut das Leben hier sei, wie friedlich und nett. Und angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die wir immer wieder in Russland und in vielen anderen Weltgegenden miterleben mussten habe ich ihnen immer wieder Recht geben müssen.

Jetzt lebe ich wieder in Österreich und stelle fest, dass dieses unser Privileg – in einem reichen und sicheren Land zu leben – von all zu vielen immer weniger geschätzt wird. Den zunehmend sichtbar werdenden Mangel an Zivilcourage erkläre ich mir auch damit.

Dem stellen sie, stellen Menschen, wie die heutige Preisträgerin eindrucksvoll ihr persönliches Engagement entgegen.

Als eine, die gerne in diesem Land lebt wünsche ich mir – dass ihr Beispiel, dass das Beispiel von Doktor Kirchschläger Schule machen möge. Dass sich immer mehr Menschen darauf besinnen, dass man gerade wenn man in Wohlstand und Sicherheit lebt auch eine Verpflichtung hat. Dass die Welt nur so lange schön und lebenswert bleibt, solange auch all jenen, die Hilfe suchen auch Hilfe gewährt wird.

In tiefer Verneigung vor der heutigen Preisträgerin und all jenen, die sich nicht dem Gesetz des Wegschauens beugen, danke ich für ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

Fremd Daheim 

Schauspielhaus Wien 1.2.11

 

 

Es gibt viele kluge und freundliche Menschen in diesem Land. Zum Beispiel in Innsbruck. Dort hat die Stadtregierung jetzt festgestellt, dass Asylwerber arbeiten dürfen sollten. Weil die Arbeitserlaubnis viele Probleme lösen dürfte. Die Feststellung geht über – fast – alle Parteigrenzen hinaus. In Wien allerdings sieht man das nicht gerne. Das würde zu Asylmissbrauch führen, wenn Asylwerber mehr tun dürften, als sich als Saisoniers oder Erntehelfer zu verdingen. Prostitution ist Asylwerbern auch erlaubt, aber das sagt natürlich kein Politiker laut.

Es gibt in diesem Land auch viele nicht ganz so kluge und sehr unfreundliche Menschen.

Zum Beispiel jene Beamten, die Linda abschieben liessen. Linda ist ein erfundener Name für eine real existierende junge Frau, die schreckliches durchgemacht hat. Sie wurde von Menschenhändlern aus Nigeria nach Österreich verschleppt und hier zur Prostitution gezwungen. Nach Jahren unvorstellbarer Qualen gelang es ihr auszusteigen. Und es gelang ihr auch ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und zur Polizei zu gehen. Wo sie ihre Peiniger anzeigte. Der österreichische Staat dankte ihr diesen Mut, in dem er sie in eines jener berüchtigten Abschiebeflugzeuge setzte. Und sie in Lagos einfach ihrem Schicksal überließ. Das nur ein schreckliches sein kann. Linda hatte gerade begonnen, aufzuarbeiten, was ihr angetan worden war. Sie hatte gerade begonnen, wieder Hoffnung zu fühlen. Hoffnung auf ein Leben ohne Folter. In Österreich. In diesem Österreich, dessen Verantwortliche nicht müde werden Sonntagsreden zum Thema Menschenhandel zu halten und immer wieder laut zu beklagen, wie schwer es sei, die Verbrecher dingfest zu machen, weil die Opfer Angst davor hätten auszusagen. Linda hat ihre Angst überwunden, Linda wollte aussagen. Und wurde – während die österreichische Bürokratie noch überlegte, ob man sie wohl schützen sollte oder nicht – einfach dorthin zurück geschickt, wo die, die sie verschleppt hatten sicher schon auf sie warteten. Und sicher schon wussten, dass sie sich gegen sie gewandt hatte.

Und Linda ist leider kein Einzelfall.

Kurz vor Weihnachten war ich zu Besuch bei Ute Bock.

Neben der Eingangstüre zu jenem Haus im zweiten Bezirk, in dem Ute Bock ihr Büro hat und in dem einige ihrer  Schützlinge leben sind sechs Gedenksteine in die Mauer eingelassen. Sie erinnern an Menschen, die aus diesem Haus nach Treblinka oder Minsk deportiert und dort ermordet wurden. Ein seltsames Zusammentreffen.

Bei Ute Bock traf ich zwei aufgeweckte kleine Buben mit strahlenden Augen, voller Neugier und ohne jede Scheu. Frau Bock verspätete sich und die beiden Buben leisteten mir Gesellschaft. Ihr Deutsch war makellos. Und in diesem makellosen Deutsch erzählte mir der jüngere der beiden wie selbstverständlich seine Lebensgeschichte. Dass er mit Oma und Opa hier wohne, hier bei Frau Bock. Oma sei Russin, Opa Tschetschene. Die Mama sei auch da. Und der Papa? Der nicht, sagt der Kleine lakonisch. Den kenne er gar nicht. Der sei schon verschwunden, bevor er geboren worden sei. Später gesellte sich die Großmutter des Buben zu uns und erklärte. Bei einer Säuberung sei ihr tschetschenischer Schwiegersohn mitgenommen worden. Seither wüssten sie nichts mehr von ihm, deshalb hätten sie das Land verlassen, sich bis Österreich durchgeschlagen. Trotzdem wolle man sie jetzt zurück schicken. Obwohl sie mit dieser Geschichte im Hintergrund in Gefahr seien – ganz zu schweigen davon, dass die zwei Buben dort in Grosny wohl kaum eine Zukunft hätten. Als Söhne von einem, der in Verdacht geraten war und verschwunden ist.  Wie ihr Leben weitergehen solle wüsste sie nicht, sagt sie auch, ihr Mann leide unter schweren Depressionen, die Tochter habe Angst um ihre Söhne. Das Geld reiche nicht, die Kinder müssten zu Fuß in die ziemlich weit entfernt liegende Schule gehen – in der sie übrigens zu den Besten gehörten. Helfen, sagt die Frau auch, helfen könne nur Frau Bock.

Wenige Tage später lese ich in der Zeitung von der Auflösung zweier Flüchtlingsunterkünfte. Der Staat wolle diese nicht weiter betreuen. Und ich lese, dass man das Kardinal-König-Haus zum Schubhaftzentrum umfunktioniert hat und denke, dass man dann wohl auch den Namen ändern muss. Weil Kardinal König dem niemals zugestimmt hätte.

Ich lese auch, dass eine neuerliche Verschärfung des Asylrechtes demnächst in Kraft tritt. Weil die Schubhaft der Komani-Zwillinge zu viel Aufsehen erregt hat – so erkläre ich es mir zumindest – sollen künftig die Eltern dafür verantwortlich sein, dass Kinder ins Gefängnis kommen. Die müssen nämlich künftig entscheiden, ob sie ihre Kinder mit in die Schubhaft nehmen, oder sich von ihnen trennen. Die Kinder kämen dann eben in ein Kinderheim.

Ich denke an meine eigenen Kinder und kann nicht fassen, dass man eine so sadistische Regelung tatsächlich gesetzlich verankern will. Wie sollen Eltern eine solche Entscheidung treffen? Kinder, die ohnehin schon eine Flucht und traumatisierende Trennungen hinter sich haben, entweder noch weiter traumatisieren, indem man sie auch noch von ihren Eltern trennt, oder indem man sie einsperrt? Ich hätte mich für das Gefängnis entschieden, wenn ich vor diese Alternative gestellt worden wäre. Nie im Leben hätte ich meine Kinder in solch einer schwierigen Lage fremden Menschen übergeben wollen. Denke ich.

Und die Tatsache, dass bald schon Kinder ab 14 Jahren in Schubhaft genommen werden dürfen? Auch wenn sie alleine reisen, gerade wenn sie alleine reisen? Wer schützt sie? Wer bewahrt sie vor Unrecht und Missbrauch?

Dieses Land ist ein reiches Land. Ein Land, das seit vielen Jahren im Frieden lebt. Ein Land, das eine mehr als schwierige, brutale Geschichte vermeintlich weit hinter sich gelassen hat. Ein Land, das aber – so scheint es mir manchmal – auch die Erinnerung an all das Unrecht, dass viele seiner Bürger mitbegangen haben, all zu weit hinter sich gelassen hat.

Ein Land aber auch, in dem die einen, die Politiker, die, die den direkten Kontakt zu jenen Hilfesuchenden, die bei uns mit so viel Misstrauen empfangen werden, nie gesucht haben, immer neue Methoden finden, um eben jene Hilfesuchenden nicht aufnehmen zu müssen. Und in dem es auch viele andere gibt. Menschen, die sich um fünf Uhr früh vor einer Wohnung einfinden, aus der eine kleine Familie abgeführt werden soll. Menschen, die sich anfreunden und verstehen lernen. Verstehen, welche Schicksale hinter den dürren Worten in Amtsdeutsch abgefasster ablehnender Asylbescheide stehen. Menschen, die helfen wollen und helfen können – und oft auch an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen, angesichts einer kalten staatlichen Maschinerie, die sich an Buchstaben hält, um den Mensch hinter diesen Buchstaben nicht zu sehen.  Menschen, die nicht bereit sind zu akzeptieren, dass der Staat nur ein Ziel zu haben scheint: so viele Hilfesuchende wie möglich abzuweisen. Menschen, die meinen, dass es auch anders ginge. Indem man – zum Beispiel - nicht jeden, der an unsere Türe klopft und um Hilfe bittet, im besten Fall verdächtigt, „sich nur ins gemachte Bett legen zu wollen“ und ihm im schlechtesten unterstellt, mit dunklen, bösen Absichten hier her gekommen zu sein.  Indem man sich die Lebensgeschichten anhört und zu verstehen versucht. Indem man nicht nur mit der eng begrenzten Brille der eigenen Lebenserfahrung abwägt, was Wahrheit und was Lüge ist. Indem man zu verstehen versucht, wo die Lüge Schutz ist und wo die Wahrheit nur all zu oft Gefahr bedeutet. Eine schwierige Aufgabe, ich weiß. Und doch gibt es in diesem Land so viele, die dazu bereit sind. Nur eben nicht dort, wo die Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen, die nur all zu oft Leben oder Tod bedeuten können.  Mag durchaus sein, dass hier immer und strikt nach dem Buchstaben des Gesetzes gehandelt wird. Mag durchaus sein. Aber dann heißt es, die Gesetze zu ändern, der heutigen Realität anzupassen, sie so umzuformulieren, dass sie für die Menschen und nicht gegen die Menschen wirken und eingesetzt werden. Eine lohnende Aufgabe wäre das für Politiker, die sich tatsächlich als solche verstehen. Eine lohnende Aufgabe, weil dies auch die Menschen in diesem Land so wichtig wäre, für die die Politiker in diesem Land zu sprechen vorgeben. So viele verlieren Freunde, nahe Menschen, geliebte Menschen Tag für Tag dank jener Gesetze, die – um meine russischen Freunde zu zitieren – manchmal tatsächlich nicht für Menschen gemacht zu sein scheinen.

 

Minsk, März 2006

Kadisch für meine Großeltern

 

 

Wie wart ihr?

Wer wart ihr?

Warum durfte ich euch nicht kennen?

Was habt ihr gesehen,

als sie euch hinaus stießen

aus dem Viehwaggon?

Die breite Chaussee?

Den Wald?

Die Männer mit den Hunden?

Die Gewehre?

Die hämischen Gesichter?

Haben sie euch getrennt?

Haben sie euch vorwärts gestoßen?

Haben sie euch gezwungen,

euch auszuziehen,

in aller Öffentlichkeit?

Haben sie euch die letzte Würde genommen?

Sie haben euch die letzte Würde genommen!

Sie haben euch einen unwürdigen Tod

angetan.

An einem unwürdigen Ort

in Kälte, Fremde, Einsamkeit.

Keiner war da

der mitgefühlt hätte!

Habt ihr euch noch angesehen?

Habt ihr im letzten Moment

doch noch Nähe zueinander empfunden?

Habt ihr Angst gefühlt, Entsetzen?

Jenes Entsetzen, das mich schüttelt,

wenn ich an Euch denke?

Nackt in diesem abweisenden Wald,

in der Kälte vor dem Graben,

in dem vielleicht schon die Leichen

jener lagen,

die sie vor euch ermordet hatten?

Ich stehe vor einem Monument

auf dem ihr nicht erwähnt werdet.

Ich stehe vor einem Monument,

das euch zu anonymen Zahlen

ohne Namen und Geschichte macht.

Ich gehe durch einen Park,

in dem Bierflaschen herumliegen.

Auf Wegen, voller Zigarettenstummel.

Ich gehe durch diesen Park

der ein Grab ist.

Euer Grab,

auf das ich doch keinen Stein legen kann.

 

 

 

 

Society-Magazin Oktober 2010

Österreichs Angst vor „dem Fremden“

 

Wir leben in einem schönen, reichen, satten, sicheren Land. Viele Menschen auf der ganzen Welt haben dieses Privileg nicht. Und einige – wenige – die an Leib und Leben bedroht sind, finden – manchmal – und unter unvorstellbaren Bedingungen – ihren Weg hier her zu uns. Früher war es selbstverständlich, solche Menschen hier aufzunehmen. Ich spreche von der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wohlgemerkt, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Aber seit der Osten Europas jene Regime abgelegt hat, gegen die wir, hier im reichen, satten und dem Westen zugerechneten neutralen Österreich, zu kämpfen vorgaben, ist alles anders. Plötzlich erscheinen uns Menschen, die aus fernen Ländern auf der Suche nach Hilfe hier her zu uns kommen verdächtig. Plötzlich haben wir sie pauschal - und ohne uns für die einzelnen Geschichten zu interessieren – zu potentiellen Sozialschmarotzern, Parasiten, Kleinkriminellen und in jedem Fall zu wahrscheinlichen Lügnern gestempelt. Wir interessieren uns nicht mehr für das, was jenseits unserer Grenzen passiert, wir wollen nur nicht, dass uns Menschen in Not womöglich etwas von unserem Wohlstand wegnehmen könnten.

So kann man die heutige Situation von Asylsuchenden in Österreich beschreiben – und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Ja – die Gesetze werden nicht nur immer unmenschlicher, unerbittlicher und undurchschaubarer. Ihre Durchführung wird ebenso immer unklarer. Da bekommen zwei Monate alte Babys Abschiebebescheide, in denen steht, sie gefährdeten mit ihrer Anwesenheit in Österreich die öffentliche Sicherheit. Da werden Menschen während ihrer medizinischen Behandlung direkt aus einer Spitalsambulanz in Schubhaft genommen und ausser Landes gebracht. Da schreibt man über einen Asylwerber, er sei unbescholten, aber – man habe ihn ein Mal beim Schwarzfahren erwischt! Da dürfen die Menschen nicht arbeiten und werden dann beschuldigt, dem Staat auf der Tasche zu liegen. Da verlangt man Deutschkenntnisse und begründet Abschiebebescheide damit, die Betreffenden hätten sich „rechtswidrig integriert“ – weil sie ja wissen hätten müssen, dass sie sich nicht in Österreich aufhalten dürften. All das ist niederträchtig und treibt mir als Österreicherin die Schamröte ins Gesicht.

Und dann ist da das andere Österreich. Jenes Österreich, das um fünf Uhr früh vor der Wohnung einer Familie mit zwei kleinen Kindern steht, die abgeschoben werden soll – und das solcher Art verhindert. Das Österreich der Ute Bock und anderer, die ihr Leben dem Schutz Schutzbedürftiger widmen und nicht zulassen, dass die Verrohung allmächtig wird.

Und es sind wesentlich mehr Menschen, die die derzeitige Praxis in Österreich ablehnen, als man glaubt.

All jene, die wissen, dass das österreichische Gesundheits- und Pflegewesen zusammenbräche, würden nicht Menschen aus aller Herren Länder in genau diesem Bereich arbeiten – um nur ein Beispiel zu nennen. All jene auch, deren Betriebe zusperren müssten, würden all jene ausgewiesen, die jetzt dort arbeiten – und nicht seit Generationen Österreicher sind.

Österreich ist ein reiches, sattes, zufriedenes und sicheres Land – und wer genau hinschaut erkennt, dass der Erfolg dieses Landes auch auf der Tatsache beruht, dass die große Mehrheit der Bevölkerung sogenannten Migrationshintergrund hat.

Meine Vorfahren kamen aus Böhmen, Mähren und Galizien nach Österreich. Andere haben ihre Wurzeln in Ungarn, der Slowakei, Bulgarien, Italien, Deutschland, Frankreich, Slowenien, Kroatien und und und… Die österreichische Küche gibt es nur, weil wir es verstanden haben, uns sämtliche Köstlichkeiten unserer näheren und ferneren Nachbarn anzueignen und sie zu unseren Spezialitäten zu machen. Vom Gulasch bis zum Wiener Schnitzel, vom Apfelstrudel bis zu den Palatschinken – stammen alle Gerichte, deretwegen Österreich heute in der ganzen Welt berühmt ist, nicht aus Österreich.  Den Vorwurf, hier Multikulti-Romantik heraufzubeschwören kann man angesichts dieser Tatsachen wohl getrost ins Reich des Lächerlichen verweisen. Österreich lebt dank vielfältigster Einflüsse und Traditionen – und braucht eben gerade auch die Menschen, die wir zurzeit als angebliche Bedrohung unserer Sicherheit und unseres Wohlstandes so niederträchtig behandeln.

 

Rede bei einer Flüchtlingskundgebung
am 18.6.10
 
Wir leben in einem schönen Land.
Wir leben in einem friedlichen Land.
Wir leben in einem reichen Land.
Aber offenbar genügt uns das nicht.
Wir wollen dieses Land für uns allein.
Wer sich „gesetzeswidrig integriert“ muss weg.
Wer in Not ist und unsere Hilfe braucht muss weg.
Ich, Susanne Scholl, komme aus einer jüdischen Familie.
Wären die englischen Gesetze des Jahres 1939 so gewesen, wie es die österreichischen heute sind, hätten meine Eltern die Nazis nicht überlebt.
Und ich wäre nicht auf der Welt.
Als Österreicherin, die in Frieden und Freiheit und satt hier aufgewachsen ist, fordere ich die heutigen Politiker auf:
Ändern sie die Asyl- und Fremdengesetze.
Machen sie sich nicht der Unmenschlichkeit schuldig.
Machen sie aus Österreich das, was dieses Land seiner eigenen Geschichte schuldig ist:
ein Land, das Menschen in Not würdig behandelt und in Würde aufnimmt.

Rede bei Flüchtlingswallfahrt 19.6.10
 
Österreich ist reich, friedlich und satt.
Man lebt gut hier.
Man lebt ruhig und friedlich und satt hier.
Ein Rechtsstaat ist Österreich.
Was bedeutet das?
Gesetze sind dazu da, Menschen zu schützen.
Wenn Gesetze plötzlich gegen Menschen angewandt werden, ist etwas faul im Rechtsstaat.
Im Rechtsstaat kann man Gesetze aber ändern.
Wenn Gesetze gegen Menschen angewandt werden können, müssen sie geändert werden.
Ich komme aus einer Familie von Flüchtlingen. Meine Eltern haben die Nazis überlebt, weil es in England nicht solche Asyl- und Fremdengesetze gab, wie heute in Österreich.
Niemand flüchtet aus Spaß aus seinem eigenen Land, aus seiner gewohnten Umgebung.
Zu unterscheiden zwischen jenen, die aus Hunger flüchten und jenen, die vor Verfolgung flüchten ist zynisch und unmenschlich.
Kinder die Fehler ihrer Eltern büßen zu lassen ist mehr als das.
Kinder, die hier groß geworden sind und diesem Land neue Kraft, Energie, Kreativität und Ansporn bringen könnten, zu vertreiben, ist dumm und kurzsichtig.
Ich möchte in einem Land leben, in dem es weder Kurzsichtigkeit noch Dummheit gibt. Ich möchte in einem Land leben, für das ich mich nicht schämen muss.
Zur Zeit schäme ich mich – nicht für Österreich, aber für die österreichischen Politiker.
 
 
 
 
Beitrag zu Buch des italienischen PEN, erscheint im Herbst 2010
 
In memoriam: Anna Politkovskaja e Natalja Estemirova
 
 Le ho conosciute tutte e due.
Anna era una fanatica. Cosi mi disse Natalja in quel novembre triste e freddo dopo l´assassinio di Anna.
Ero andata con la mia troupe a Grosny. Anna era stata assassinata nell´ingresso della sua casa di Mosca – e noi cercavamo di capire come sarebbe stata questa Russia senza Anna. E questa Cecenia senza di lei. Anna, che aveva dato una voce alle vittime cecene taciute dalla Russia ufficiale. Anna che era andata in Cecenia anche quando noi tutti ne avevamo paura e cercavamo di non andarci. Anna che si era immischiata.
Natalja era stata la sua complice, la sua guida nei meandri complicatissimi della società cecena traumatizzata da due guerre e dagli orrori che ne sono derivati.
Ero andata a Grosny per raccogliere le testimonianze di quelli, che l´avevano conosciuta e accompagnata nella sua ricerca della verita` - la verita`su questa guerra vergognosa contro il proprio popolo, contro donne e bambini ceceni.
Tra queste donne era anche Natalja. La ritrovai nel suo minuscolo ufficio nel centro di Grosny. Bella, truccata, capelli castani sciolti sulle spalle, pantaloni stretti e maglia attillata. Efelidi sul viso come eredità della madre russa. E la fiamma dell´indignazione per quello che succedeva in Cecenia negli occhi – eredità del padre ceceno.
Anna, mi disse Natalja, era fanatica della verità e non si lasciava frenare da nessuno. A volte loro – le donne cecene, che la accompagnavano nei suoi viaggio difficili e pericolosi attraverso la Cecenia traumatizzata e distrutta –cercavano di trattenerla, ma Anna non desisteva.
Andava dappertutto, cercava la verità, era convinta di avere una missione, di dover dare una voce alle vittime e portare i criminali di guerra in tribunale.
L´ultima volta, che incontrai Anna, era all´aeroporto di Vienna. Lei era venuta per una conferenza, io ero andata a cercare un´amica russa arrivata con lo stesso aereo. Anna era stanca. Si vedeva. Ma non poteva lasciare perdere – anche questo si vedeva. Ci sorridemmo – pensando di ritrovarci qualche sera a Mosca.
Poco dopo Anna venne uccisa – e io andai a Grosny.
Quella volta a Grosny parlammo con Natalja solo di Anna.
Pochi mesi dopo Natalja venne a trovarmi a Mosca. Per raccontarmi la sua vita per il mio libro “Ragazze della guerra”.
In quell’ occasione mi raccontò di se. Della sua infanzia in Siberia, della nostalgia, che il padre ceceno le aveva trasmesso per il suo Caucaso – della sua decisione, di tornarci col padre.
Mi parlò della figlia, allora tredicenne, che volle mandare fuori dalla Cecenia, fuori dalla Russia. Mi parlò della necessità di continuare dallo stesso punto dove Anna era stata interrotta.
Non ci siamo piu`riviste – lei presa dalla sua lotta contro il potere micidiale a Grosny, io presa dal mio lavoro a Mosca.
Un giorno di luglio ero al mare. Mi raggiunse una telefonata.
“Tu conoscevi una certa Natalja Estemirova?”.
Fu cosi che seppi della sua morte.
Non la posso dimenticare. Come non posso dimenticare Anna. Uccise tutte due perchè non potevano accettare una vita di orrori. Uccise perché amavano questo paese, questa Russia, questa Cecenia e volevano che fossero luoghi in cui si potesse vivere come persone – non come bestie.
Non le dimenticherò mai e non smetterò mai di parlare di loro e delle loro idee – finchè sarà necessario.